Vom Ying und vom Yang und von einem Terrier der gar nicht wusste, dass er ein Terrier ist.
Vom Ying und vom Yang und von einem Terrier der gar nicht wusste, dass er ein Terrier ist.

Vom Ying und vom Yang und von einem Terrier der gar nicht wusste, dass er ein Terrier ist.

„Zunächst sogar erfreut, erinnerte ich mich dann ziemlich schnell daran, was das schon damals für ne vertrocknete Superzicke war und auch noch ne olle Petze dazu.“

Es ist schon ziemlich lange her, dass ich mal wieder in meiner bevorzugten Buchhandlung in der Heimat verweilte, aber das war so beeindruckend ulkig, dass ich mich bis heute auch ebenso ziemlich gut daran erinnere. Eher zufällig dort vorbeigekommen, huschte ich trotz meiner Eile in den Laden und schnurstracks auf das Regal mit den Neuigkeiten zu und da gerade niemand sonst davor rumlungerte und anderen die Sicht versperrte, konnte ich flott ungehindert mal gucken was es Lesenswertes geben könnte und entschied mich spontan für den letzten „Wallander“-Fall von Henning Mankell. Nur an der Kasse, da ging es fürs Erste nicht weiter. Hinter mir stand eine Frau mit einem komischen Hutgebilde auf dem Kopf, die einen Stapel Bücher in den Händen hielt.

Ich war neugierig was sie so las und lugte nach den Titeln der Bücher die sie im Begriff war, zu erwerben. Ich entzifferte was von „Sorge dich nicht, lebe“, „Im Einklang mit mir und der Welt“, irgendwas was von „Yin und Yang“ und „Chakren“ – und dachte so ganz spontan, ok, danach wird sie sich dazu gleich in einem Teppichladen einen kleinen Läufer mit Troddeln kaufen, auf dem sie dann im Einklang mit sich und dem Teppichläufer lesend durch ihre Wohnung oder ihr Haus fliegen kann.

Gerade als ich mich gelangweilt wieder abwenden wollte, sprach sie mich mit meinem Namen an, und es stellte sich heraus, dass sie eine meiner ehemaligen Mitschülerinnen aus längst vergangener Schulzeit war. Zunächst sogar erfreut, erinnerte ich mich dann sehr schnell und als ob es erst gestern gewesen war daran, was das für ne vertrocknete Superzicke war, ne Streberin und auch noch ne olle Petze und beantwortete ihre Fragen nur knapp und widerwillig. Sie wunderte sich, wie sehr ich mich doch verändert habe und war erstaunt, dass ich dieses und jenes tat. Sie nickte anerkennend und empfahl mir dann irgendein Buch über den meditierenden Weg zum Geschlechtergleichklang, einfach so und ausgesprochen ungebeten. Das könne sie sehr empfehlen, sagte sie wieder, denn seit sie das mit den gleichklingenden Geschlechtern gelesen habe, meditieren ihr Mann und sie immer gemeinsam, denn der habe das natürlich auch gelesen.

Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, da erzählte sie mir, dass sie nun nicht mehr arbeite, sondern sich ganz dem Schreiben widme.

„Ich schreibe“, sagte sie.

„…ach“, sagte ich und fragte dann zurück was sie denn so schreibe, weil ich an der Kasse immer noch nicht mit dem Zahlen meines Mankells an der Reihe war und dann ja doch ein höflicher Mensch bin.

Ihre Augen glänzten, während sie mir von ersten zaghaften Versuchen berichtete und auch von ihrem Schreibkurs bei der VHS schwärmte, der unglaubliches an kreativen Schüben aus ihr heraus kitzelte. „Sie wollte ja schon immer mal einen esoterischen Lebenshilfe-Ratgeber in Romanform schreiben“, meinte sie und schaute mich aufmunternd verklärt an.

Ok, der Teppichläufer mit den Troddeln zum Fliegen scheint größer auszufallen, als ich befürchtete, dachte ich ganz unverklärt und ehe ich es verhindern konnte fragte sie mich ob ich das mal lesen wolle, was sie so schreibe.

„Nein!“

Einen Lebenshilfe-Ratgeber schreiben zu wollen ist schlimm. Einen Lebenshilfe-Ratgeber in Romanform schreiben zu wollen ist noch schlimmer – aber einen esoterischen Lebenshilfe-Ratgeber in Romanform schreiben zu wollen ist so schlimmer als schlimm, dass mir glatt die passende Worte fehlten um mein „Nein“ zu erläutern.

Das sagte ich ihr und riet stattdessen, des Öfteren mal an der frischen Luft spazieren zu gehen, einen Strick- & Häkelkurs zu besuchen oder Schafe zu hüten, falls sie welche habe. Oder die Schafe der Nachbarn zu hüten, falls die welche haben. Sie könne sich zudem doch für soziale Projekte zur Erhaltung ägyptischer Teppichhändler engagieren, oder vielleicht einen Stall Rosettenmeerschweinchen aus dem Tierheim adoptieren. Mit denen könnte sie ja ne hübsche Zirkusnummer einstudieren und damit dann durch die geriatrischen Abteilungen der Krankenhäuser und Pflegeheime tingeln. Das wäre doch mal was Sinnvolles.

Anstatt schreiben zu wollen.

Sie sah mich eine Weile stumm und mit blitzend zusammengekniffenen Augen an – und sagte dann mit zischelnd heiserer Stimme, dass ich mich so gar nicht verändert hätte und immer noch das gleiche blöde Arsch von früher sei, welches sie schon damals in der Schule nicht ausstehen konnte. Und sie wäre so gut wie sicher, dass ich in einem meiner vorherigen Leben so was wie ein Terrier gewesen sein musste, bissig wie ich immer schon war und offenbar noch bin.

Das war jetzt aber nicht nett und so gar nix mehr mit esoterisch. Mein Feixen schwerlich unterdrückend sah ich sie „erstaunt“ an, während ich mir zum Einen das feuchte Tropfergebnis ihres Zischelns von meiner Wange wischte und zum Anderen brav den Mankell bei der freundlichen Buchhandlungskassiererin zahlte. Ihre Blicke brennend im Nacken spürend, drehte ich mich noch einmal freundlich lächelnd zu ihr um, empfahl ihr den günstigen Teppichladen gleich hier um die Ecke, wünschte ihr noch ganz viel Gleichklang plus einträchtiges Yin und Yang beim Schafe hüten und verabschiedete mich gebührend mit einem sorglosen aber lebendigem „Wuff!“

Wieder draußen auf der Straße und in Freiheit, konnte ich durch die geschlossene Glastür noch ihr Gekeife hören und befand klug und weise wie ich bin, dass dieser Esoterikkrempel nicht wirklich das Richtige für sie zu sein schien. So lieb, ausgeglichen und die Ruhe selbst, wie man ja angeblich davon werden soll.

Ich und bissiger Terrier?

Das ist ja allerhand, tsss.

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