Spiegelgedanken
Spiegelgedanken

Spiegelgedanken

Suchen. immer wieder suchen. Irgendwo dort und immer noch auf der Suche nach sich selbst.

Langsam fährt sich Jakob durchs Gesicht.

Ertastet mit den Fingerspitzen jede Hautunebenheit, seine Lippen, die Nase und jede einzelne seiner tiefen Falten. Müde betrachtet er die dunklen Augenränder, den bittertraurigen Zug um seinen Mund, den andere nur ganz selten entdecken, und fragt sich wieder mal, wann er aufgehört hat zu leben und warum. Die ewig gleiche Frage, die ihn quält, beinah schon so lange er denken und bewusst fühlen kann. Das „Wann“ wird er wohl nie herausfinden und es spielt auch keine große Rolle mehr, zu viele Gelegenheiten, zu viele Menschen. Jakob hat viel gelernt in seinen Jahren, auch, dass Verdrängung manchmal besser ist.

Er ist schon wieder fetter geworden.

Und älter. Plötzlich geht es rapide abwärts mit ihm. Jakob spürt es und zu übersehen ist es auch nicht mehr. Und er weiß, dass er es selbst schuld ist, es zulässt, er mit seinen fast sechzig Jahren. Eigentlich sieht Jakob noch recht gut aus und er könnte mit einem gesünderen Lebenswandel und mehr Bewegung auch körperlich besser beisammen sein. Könnte. Abfällig betrachtet er sein Spiegelbild, das er irgendwann einmal sogar gemocht hat, irgendwann. Jakob ist ein Wrack. Da ist nichts mehr von dem, der er vielleicht mal war, der zumindest mal so etwas wie gelebt hat, ob nun mit oder ohne Verdrängung. Nichts mehr.

Das „Warum?“ ist es.

Das lässt Jakob nicht los. Er kennt jeden einzelnen Fitzel dieses einfachen Frageworts, von allen Seiten, versteht mehr und mehr die Antworten. Jakob hat nachgedacht, will verzeihen und Frieden schließen mit diesem verdammten „Warum?“. Er kann nicht. Hat Angst vor der nächsten Gelegenheit, der endgültigen Antwort, die vielleicht nicht die ist, die er sich erhoffte, von den beiden Menschen, die sein Herz zerfetzt haben. Menschen, die andere Eltern nennen und für die er es jedes Mal wieder zusammengesetzt hat, damit er sie weiter lieben kann.

Liebe.

Ein mächtiges, so großes Wort. Mit so vielen Bedeutungen, so verschiedenen Interpretationen. Ein Wort, das alles an Gefühl beschreiben kann. Oder nichts. Nein, Jakob kann sich nicht beschweren, weiß, hat erfahren, was Liebe ist. Sie zu geben und zu bekommen, hat gelernt zu fühlen, zu erwidern und zu vertrauen. Nein, darum geht es nicht. So klar ihm auch das Warum? geworden ist, so oft Jakob auch das Resultat seines sich ewig im Kreis Drehens um diese eine Frage grau und verbraucht aus dem Spiegel entgegenglotzt und ihm wie immer die Sinnlosigkeit seiner Suche nach Antworten entgegenzischelt, ihm, dem jämmerlichen, feigen Schwächling: So deutlich und bewusst ist Jakob auch, wie sinnlos das Suchen nach etwas ist, das er nie bekommen wird, nicht von ihnen.

Doch die Sehnsucht sitzt tief und fest in ihm verankert. Brennend, schreiend. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber sie ist immer da, diese lodernde, hungrige Sehnsucht, der Puls seines „Warums“. Jakob versucht, sie zu stillen, sie mit anderen Süchten zu betäuben, dann und wann. Doch sie kehrt zurück, immer wieder, mit einer unerträglichen Wucht. Er weiß es und kann doch nicht aufhören, das vermeintliche Glücksrad von neuem zu drehen. Dann und wann.

Er schaut nicht oft in den Spiegel.

Jakob will sich nicht sehen, sich und seinen alternden, verbrauchten Körper. Doch jetzt kann er den Blick nicht von seinem Spiegelbild lassen. Von dem, was aus ihm geworden ist. Betrachtet seine Augen, sein Gesicht, die Narben. Hält Ausschau nach seinem Leben, nach der Vergangenheit und dem kleinen blonden Jungen, der so gerne Kirschlollys mochte. Jakob berührt sein Gesicht, ertastet wieder die Linien seiner Jahre, schaut in seine Augen und sieht für eine Sekunde, für einen Moment dieses Aufflackern der kindlichen Hoffnung, sich doch irgendwann wieder zu finden, irgendwo im Spiegel. Irgendwo dort, irgendwo tief verborgen in sich selbst.

Dort, wo er immer er selbst war.

Er, Jakob.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*