So wie wir waren
So wie wir waren

So wie wir waren

„Weißt du noch? Wir wollten die Welt erobern. Du und ich. Wollten die Gesellschaft und ihre Konventionen ficken. Und am Ende waren wir die Gefickten. Irgendwie. Weißt du noch, wie wir waren?“

Du konntest schon ein richtig mieses Arschloch sein.

Du, „der“ Typ auf der Schule, dem alle Mädels hinterher trieften und dem die anderen Jungs nachzueifern versuchten. Sie wollten so sein wie du, wollten, dass du ihr Freund bist und ihnen zeigst, wie man die Weiber klarmacht. Gelacht hast du über sie, hast ihnen gezeigt, was du unter klarmachen verstehst und sie auf der Schultoilette in den Pausen durchgeknallt, wenn dir einer von ihnen gefallen hat oder dir gerade nach einer schnellen Nummer zwischen Mathe und Englisch war. Meinen Arsch hast du nicht bekommen. Nicht sofort und nicht so.

Aber meine Freundschaft.

Ja, du konntest ein Arschloch sein, aber das warst du nicht. Erinnerst du dich? Erinnerst du dich noch, wie wir uns geprügelt haben? Dieses eine Mal? Weshalb, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, dass wir irgendwann völlig erledigt nebeneinander auf dem Bürgersteig lagen, blutverschmiert, mit geschwollenen Gesichtern, vergnügt lachend und Wetten abschließend, welche der Tauben da über uns in der Baumkrone wem zuerst ins Gesicht kackt. Du hast verloren. Und ich gewonnen. Dich. Dich, hinter diesem arroganten Blick, dich, so wie du wirklich warst. Hast mich einfach nur angeschaut, damals auf dem Bürgersteig, unter dem Baum, als ich dir grinsend die Taubenscheiße von der Stirn gewischt hab. Weißt du noch? Von da an waren wir unzertrennlich du und ich. Seitdem waren wir Freunde.

Bis zu diesem Sommertag.

Freundschaft.

Ich wusste damals nicht wirklich, was das ist. War wie alle anderen in unserem Alter damit beschäftigt, mir tonnenweise Clerasil gegen die verdammten Pickel ins Gesicht zu schmieren, lehnte mich gegen alles auf, was meine Eltern sagten und als richtig für mich entschieden. Hab mich wie alle anderen in dem Alter selten gewaschen oder meine Unterwäsche gewechselt, hab alles geklaut, was mir unter die Finger kam, hab die Schule geschwänzt und bei jeder Gelegenheit haltlos in meine Bettlaken gewichst, nur um meine Mutter zu demütigen, wenn sie wissend und stillschweigend die Wäsche gemacht hat. Das war meine Art, gegen das Erwachsenwerden zu protestieren. Gegen die Erwachsenen. Bis du kamst. Bis unsere Freundschaft begann. Du hast mir gezeigt, was Protest wirklich bedeutet. Was es heißt, dagegen, was es heißt, anders zu sein.

Rebellion.

Gegen die Norm, gegen dieses gesellschaftliche Einerlei. Ja, wir fanden es zum Kotzen erschreckend, was Baader, Meinhof und die anderen kranken Köpfe da veranstalteten, um dem Establishment den Stinkefinger zu zeigen; fanden die „…mein Körper gehört mir!“-Revolution von Alice Schwarzer falsch und es richtig. dass Nina Hagen sie im österreichischen Fernsehen angepackt hatte; waren uns einig, dass es protestierender ist, dem Oberbürgermeister unserer Stadt am helllichten Tag auf die Rathaustreppe zu scheißen, anstatt uns bei ner Demo gegen den Bau eines Atomkraftwerks am Stadtrand von Wasserwerfern ins Aus spülen zu lassen. Ich weiß nicht mehr genau, was wir alles angestellt haben, und hab auch nicht immer verstanden, wovon du gerade gesprochen hast, nicht immer begriffen, welchen Unsinn wir gerade inszeniert haben, nur, dass du ebenso wie ich gerade mal siebzehn warst.

Den Kopf voller Träume und Spinnereien.

Höher, schneller, weiter. Hauptsache dagegen und nicht so wie alle anderen. Die waren sowieso blöd und langweilig. Wir wollten die Welt erobern. Du und ich. Wollten die Gesellschaft und ihre Konventionen ficken. Wollten für immer zusammen bleiben. Freunde fürs Leben. Erinnerst du dich? Weißt du noch, als wir abgehauen sind? Wie wir nach Holland getrampt sind und völlig zugedröhnt in den Dünen lagen und darüber philosophierten, wie ein Leben dort oben hinter den Sternen sein könnte? Wir kamen aus dem albernen Gekicher gar nicht mehr raus, so bescheuert waren die Dinge, die wir vor uns her brabbelten. Und wie es plötzlich ganz still geworden ist zwischen uns. Haben uns schweigend angeschaut und gespürt, dass wir jetzt in diesem Moment keine Worte mehr brauchten. In dieser Nacht konnten wir nicht genug voneinander bekommen und manchmal höre ich noch ganz leise deine zärtlichen, zerbrechlichen Worte, die du mir ins Ohr geflüstert hast, spüre manchmal noch deinen Kopf auf meiner Brust, als du eingeschlafen warst.

In dieser Nacht.

Ich wusste immer, dass du nicht der knallharte Zyniker bist, dass hinter deiner Fassade ein verletzliches, sensibles Kind steckte, ein Kind, das nicht erwachsen werden wollte. Das Angst vor dem Leben, Angst vor dem Morgen hatte. Und dass du unberechenbar warst. Du mit deinen wilden Gefühlen. Man wusste nie, was du als nächstes tun wirst. Gerade hattest du noch überschwänglich die ganze Welt umarmen wollen, um ihr im nächsten Moment deine ganze Wut entgegen zu schreien. Das waren Momente, in denen ich Angst vor dir hatte.

Wie an diesem Sommertag.

Hab auf dich gewartet, da unter unserem Baum mit den Tauben und der Erinnerung an unser erstes gemeinsames Lachen. Wollten runter zum Fluss, zu dem kleinen versteckten Platz im Schilf, direkt am Wasser, wollten uns ne Tüte reinpfeifen und mit den Wolken am Himmel auf Reisen gehen, wie so oft. Dort, wo wir sein konnten wie wir waren. Hab mich erschreckt, als du plötzlich scharf mit dem Motorroller deines Bruders neben mir gebremst und mich angebrüllt hast, aufzuspringen. Bist wütend und aggressiv gewesen. Hattest mal wieder keinen Bock auf all den Scheiß. Schule, Eltern. „Ist doch alles für’n Arsch.“, hast du gesagt. „Komm, lass uns abhauen, irgendwo neu anfangen, nur wir zwei.“

Ja, du hast mir Angst gemacht. Damals an diesem Sommertag. Da war etwas in deinen Augen, etwas, das mich erschreckte, etwas, das nicht du gewesen bist, fremd und unheimlich. Wusste nicht, was plötzlich passiert war mit dir. Wusste nicht, was du vorhast, wo du hinwillst und weshalb. Ich wusste nur, dass ich bei dir bleiben, dich nicht loslassen will. Hab mich an dir festgekrallt, als du wie ein Irrer losgerast bist, aus der Stadt raus und ohne Ziel. Hab mein Gesicht in deinem Nacken vergraben, auf dich eingeredet, dass alles gut wird. Dass du dich beruhigen und mir erzählen sollst, was mit dir ist.

Du hast nicht zugehört und nur zusammenhangloses Zeugs gebrüllt, hast hysterisch gelacht und seltsame, schluchzende Geräusche von dir gegeben. Ich wusste nicht, ob du dir was reingeschmissen hattest oder einfach nur dabei warst, durchzuknallen, spürte nur meine aufkommende Panik, hörte meine Stimme, die dich anflehte, damit aufzuhören und anzuhalten. Schrie dir meine Angst entgegen, meine Angst um dich, um uns.

Du hast nicht zugehört.

Weißt du noch?

Erinnerst du dich noch an unseren Baum? Wie wir da auf dem Asphalt lagen und uns weggelacht haben, wir mit unseren blutverschmierten Gesichtern, wir, und der Beginn unserer Freundschaft? Unter diesem Baum? Weißt du noch? Erinnerst du dich noch an diese Stille, damals in Holland und daran, dass wir keine Worte brauchten um uns zu verstehen, um uns nah zu sein? Manchmal fahre ich noch runter zum Fluss, zu unserer kleinen heimlichen Stelle, ganz nah am Wasser und gehe mit den Wolkenfetzen auf Reisen. Dann ist es, als könnte ich noch einmal deine Worte hören, die du mir zärtlich ins Ohr geflüstert hast.

Damals und so, wie wir waren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*