Regen auf meiner Straße
Regen auf meiner Straße

Regen auf meiner Straße

„Es ist vorbei, der Krieg ist zu Ende, ich weiß. Und doch frage ich mich, wie sich wohl Frieden anfühlen mag.“

Mit einem merkwürdig wehmütigen Gefühl in der Brust starre ich auf das gegenüberliegende Tor des Autohauses, das sich plötzlich wie ein alter Kinovorhang zu öffnen scheint. Ich kann das Surren des Projektors hören, während er beginnt die Bilder eines Films auf die Leinwand zu werfen. Einen Film, den ich nie wieder sehen wollte und von dem ich glaubte, dass das Zelluloid auf dem er vor langer Zeit gedreht wurde zu alt, zu porös ist, um jemals wieder abgespielt werden zu können. Und von dem es keine Kopien gibt. Ich will ihn nicht sehen. Diesen Film. Spüre instinktiv, dass er mir nicht die schönen Erinnerungen meiner Kindheit und Jugend zeigen wird. Ich kann nicht wegsehen und wie hypnotisiert stiere ich auf das Tor. Erkenne mich, meine Schwestern und die Eltern, die dafür verantwortlich sind, dass ich jetzt hier bewegungslos in meinem Auto verharre, dass ich immer noch Angst vor ihnen habe und dafür, dass ich so bin wie ich bin.

Schwarz-weiß sind sie, diese Bilder.

Vergilbt und schmutzig. Die Töne, blechern und schrill, schmerzen sie in meinen Ohren. Krampfhaft umklammere ich das Lenkrad, will den Motor starten und wieder wegfahren. Schnell. Ich kann nicht. Entweder jetzt oder nie, muss mich aus diesem Albtraum endlich befreien, den ganzen Mist hinter mir lassen und dem Kind in mir erlauben, erwachsen zu werden. Sonst hab ich verloren. Diese Erkenntnis trifft mich mit der Wucht einer Abrisskugel. Deren Aufgabe es zu sein scheint, endgültig die mühsam aufgebaute Mauer meines Selbstschutzes einzureißen und das vollenden soll, was meine Eltern vor vielen Jahren begonnen hatten. Zusammen zu trümmern was zertrümmert gehört. Nein, nicht mit mir.

Entweder jetzt oder nie.

Mit einem Ruck steige ich aus. Gehe langsam meine Straße entlang. Es hat sich kaum etwas verändert. Unser altes Haus, in dem ich meine Kindheit verbrachte, der alte Zeitschriftenladen an der Ecke und sogar der Bäcker, der die leckersten Brötchen hatte, beinah alles ist wie damals. Nur die Brauereiruine, in der wir uns als Kinder allzu gern herumgetrieben haben und ich mein erstes Mädchen küsste, ist schon lange einem Wohnkomplex gewichen. Die Bäume, uralt und knorrig. Einige Häuser haben andere Farben. Unseres nicht. Es schaut noch genauso aus, wie ich es zuletzt gesehen hab. Nur die Fenster wurden irgendwann gegen modernere ausgetauscht. Neugierig schaue ich zur 2. Etage hinauf und versuche irgendetwas hinter den Scheiben zu erhaschen. Wer da jetzt wohl wohnen mag? Zu gerne würde ich noch einmal durch die Räume gehen, mein altes Zimmer sehen, das der Schwestern, die Küche, in der das meiste Leben stattfand und der Balkon, auf dem ich heimlich meine ersten Zigaretten rauchte.

Nein, es ist schon gut.

Ich habe auch so den Geruch unserer Wohnung in der Nase und höre das klackende Anspringen des Gasboilers, wenn wir warmes Wasser brauchten. Die knarrenden alten Holztüren und dieses komisch schleifende Geräusch unserer Schritte auf den PVC-Böden, die damals so „in“ waren. Das Lachen meiner Schwestern, wenn sie sich gegenseitig durchs Treppenhaus jagten und die steinernen Stufen rauf und runter sprangen. Die Nachbarin aus der 1. Etage, die jedes Mal schimpfend ihre Wohnungstür aufriss, wenn wir zu laut tobten und uns mit Keksen und Schokolade belohnte, nachdem wir ihre Einkäufe erledigten. Sie wohnt immer noch hier und muss inzwischen uralt sein. Manche Dinge ändern sich nicht. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Und doch ist sie genauso in den Ritzen des Kopfsteinpflasters versickert, wie jetzt der leichte Nieselregen, dessen Tropfen leise auf meine Straße plätschern. Wie das klingt. Meine Straße. Schon lange ist sie das nicht mehr. Ich bin nicht stehen geblieben, irgendwie. Musste damals weg, so schnell ich konnte und ohne einen Blick zurück.

Die Erinnerungen lassen mein Herz schneller schlagen und ich spüre den aufkommenden Schmerz der Vergangenheit. Höre die Schreie meiner Mutter, wenn er sie wieder verprügelte und sehe seine kalten, bösen Augen, wenn sie, wie so oft, betrunken nach Hause kam. Und wir ängstlich ganz nah zusammengerückt in meinem Zimmer saßen und hofften, dass alles wieder gut wird. Nichts wurde gut. Wir waren immer vorsichtig und darauf bedacht, nichts falsch zu machen. Immer in der naiv kindlichen Hoffnung, nicht wieder das Ziel seines aufbrausenden, brutalen Jähzorns zu sein. Seine Schläge brennen bei dem Gedanken daran auf meiner Haut. Auch jetzt noch. Hier und heute. Merke, wie der Hass auf ihn wieder hochkommt. Vater. Ich bin erstaunt, dass ich dieses Wort überhaupt in meinen Gedanken formulieren kann. Für mich ist er schon lange tot, auch wenn er immer noch lebt und gar nicht weit von hier wohnt. Und meine Wut auf sie. Sie, die selbst zu schwach war sich gegen ihn zu wehren und ihren ganzen Frust im Alkohol ersäufte oder an meinen Schwestern und mir ausließ, anstatt uns zu beschützen.

Nein, nichts war gut.

Wie oft habe ich mir gewünscht, einfach tot zu sein. So tot wie meine Träume. Reflexartig schaue ich auf die Innenseiten meiner Handgelenke. Die Narben werden mich immer an seine Worte erinnern, als ich wieder nach Hause kam: „Du hättest längs schneiden müssen…“. Doch selbst das hat meine sehnsüchtige Liebe zu ihm, zu ihr nicht zerstört, bis heute nicht. Sie sind trotz allem meine Eltern. Die Geräusche der Gegenwart dringen wieder in mein Bewusstsein und ich frage mich, was ich hier will. Hier, auf meiner Straße. Merke, dass mir Tränen in den Augen stehen und bin ein wenig verwundert, dass ich noch welche habe. Tief atme ich durch und genieße die feucht frische Luft. Es ist vorbei, der Krieg ist zu Ende, ich weiß. Und doch frage ich mich, wie sich wohl Frieden anfühlen mag. Plötzlich höre ich meinen Namen. Irritiert schaue ich hinauf und sehe, dass die alte Nachbarin zu mir herunter grinst und mich fragt, wo denn meine Haare geblieben sind. Ich muss lachen. Sie ist wirklich sehr alt geworden und trägt immer noch die gleiche, schwarze Hornbrille und diese typische Frisur aus den Vierzigern. „Komm doch mal rauf, ich habe noch ein paar Kekse!“ Auffordernd winkt sich mich zu sich hoch.

Zögernd überlege ich und lehne freundlich dankend ab. Vielleicht ein andermal. Möchte nicht mehr in dieses Haus, hier, in meiner Straße. Das spüre ich. Sie sagt, ich hätte mich kaum verändert, dass sie mich sofort erkannt hat und ob ich denn immer noch so verrückt sei, fragt sie. Grinsend bejahe ich ihre Frage. Ja, ich war ziemlich verrückt, wenn man den Blödsinn so nennen möchte, den ich getrieben habe. Je destruktiver und aggressiver es daheim wurde, umso mehr blühte meine Fantasie. Wollte ein großer Sänger werden und die Welt erobern, von meinen verrückten Ideen und Träumen erzählen dürfen. Habe alles Mögliche ausprobiert und angestellt. Mein erster Joint mit Jonas, in den ich mich für eine kurze Weile unsterblich verliebte und mit dem ich meine ersten sexuellen Erfahrungen machte. Claudia und all die anderen Mädels, die uns die Bude einrannten weil sie mit mir gehen wollten und denen ich hochdramatisch traurige Songs vorsang, bis sie bratschend zusammenbrachen und ich hemmungslos fummeln durfte. Dann hatte ich meinen Spaß.

Ja, es war nicht alles grau, damals.

Erinnere mich, dass ich fast das ganze Haus in Brand setzte, weil ich versehentlich die noch glühende Zigarette in den Karton mit Silvesterböllern geschmissen hatte, der auf dem Balkon stand. Die gesamte Nachbarschaft war wegen der vorzeitigen Knallerei in heller Aufruhr und ich bezog eine Tracht Prügel, die sich gewaschen hatte. Vielleicht eine der wenigen Male, wo ich sie wirklich verdiente. Die Erinnerung daran lässt mich wieder grinsen und wie es der Zufall will, sehe ich an der Mauerwand direkt neben der alten Haustür noch immer den kleinen Schriftzug von Abba, den ich damals mühevoll mit einem Schraubenzieher eingeritzt habe. Fast zärtlich fahre ich mit meinen Fingern über den Namen meiner damaligen Lieblingsband, die mir mit ihrer Musik so vieles geschenkt hat. Vor allem, wie sich Liebe und Freiheit anfühlen muss. Langsam fröstelt es mich und ich möchte wieder gehen.

Silvester.

Ich weiß noch, die beiden hatten sich wieder einmal heftig gestritten und sie lag am Silvesterabend im Bett. Wir Kinder waren bedrückt und hofften, dass es doch noch schön werden würde, an diesem Abend. Er versuchte nett zu sein und es gab Kartoffelsalat und Bockwürstchen. Wir sind ganz aufgeregt gewesen und konnten es nicht erwarten, das neue Jahr mit den China-Krachern zu begrüßen. Standen ungeduldig am Fenster als es 24:00 Uhr schlug. Mit den Knallern in der Hand, bereit nach unten zu laufen, um das alte, wieder mal beschissene Jahr laut und ballernd in den Wind zu schießen – und der schüchternen, ängstlichen Hoffnung auf ein neues, besseres. Ich weiß längst nicht mehr, was ich gesagt haben muss. Fröhlich, wie wir dann doch plötzlich waren, obwohl sie nicht aus dem Schlafzimmer kam. Ganz bestimmt nichts besonderes, schlimmes oder respektloses, nein, ich erinnere mich nicht mehr. Nur, dass ich ziemlich hart mit dem Kopf gegen die Wand schlug, als er mir eine knallte und daraufhin wutschnaubend aus dem Zimmer ging. Das aus der Nase spritzende Blut verdarb mir die paar Kracher, die ich mir von meinem kargen Taschengeld geleistet hatte und immer noch krampfhaft in meiner Hand hielt, darauf achtend, mit meinem Blut nicht auch noch den neuen Teppich zu versauen. Wer weiß, wie oft er dann noch zugehauen hätte.

Nein, das ist nicht mehr meine Straße.

Es hat aufgehört zu regnen. Ein bisschen von meinem Schmerz hat der Regen weggewaschen. Heute, jetzt und hier. Die Erinnerungen, egal welche, wird er leider nicht mitnehmen können. Er nicht und auch niemand anders. Niemals. Ich muss damit leben, sie sind ein Teil von mir, das weiß ich jetzt endgültig. Und auch, dass ich mich nie mehr dafür schämen werde, wenn jemand die Traurigkeit in meinen Augen entdeckt. Ob das ein Gefühl von Frieden sein könnte? Wehmütig schaue ich ein letztes Mal nach oben, winke ihr zu, der alten Dame mit den köstlichen Keksen und verabschiede mich mit einem zaghaften Lächeln. Es ist Zeit für mich, erwachsen zu werden. So unbemerkt wie ich damals von hier fort bin, gehe ich langsam zu meinem Auto und schaue nicht mehr zurück auf meine Straße, auf der mit dem Regen meine Kindheit zwischen den Ritzen des Kopfsteinpflasters versickert sein wird.

Vielleicht, irgendwann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*