Der Frauenfinder
Der Frauenfinder

Der Frauenfinder

„Für Theo ist das Internet wie eine Selbstbedienungstheke. Und die Ware ist weiblich“

Er weiß wie das geht, denn es sind immer die gleichen Abläufe. Registrieren, das Profil möglichst interessant ausfüllen, ein ansprechendes Bild hochladen und schon kann der Jäger auf seine Beute warten. Und wenn sie Theo nicht finden, so hilft er ihnen, den Frauen auf die Sprünge. Klickt sich durch die Profile der Altersklassen irgendwo zwischen 30 bis Mitte 50. Ein paar nette Worte hier und ein paar nette Floskeln dort und schon hat er Erfolg. Heute ist es Susanne. Sie ist 39 Jahre alt und ihr Nickname ist bescheuert, aber sie hat was und ihre Brüste sehen gut aus, auf den Bildern in ihrem Profil. Wenn es nicht mal wieder ein Fake, ein Vortäuschen ist, wie so oft. Das mag er gar nicht.

Sie mailt, dass ihr Theos lockere Art gefällt und dass er schöne Augen hätte. Und Theo merkt an ihrer Art, dass sie mehr möchte als nur ein schnelles Abenteuer, dass Susanne einsam ist und geliebt werden will, dass sie mit jemandem einträchtig auf der Couch sitzen will. Am Liebsten für immer. Vielleicht ist sie aber auch nur froh und nett, weil Theo nichts von der herauswachsenden Blondierung ihrer grauen Haare auf den Bildern erwähnt. Theo ist das egal, ihn interessiert nur, dass sie laut ihrem Profil für One Night Stands nicht zu haben ist. Susanne kennt Theo noch nicht und wie ihn genau das reizt.

Er plänkelt mit ihr in den Mails, erzählt, plaudert, sagt nichts vom Telefonieren, von einem Treffen darin und bekommt sie wie erwartet von ihr, diese Mail mit ihrer Telefonnummer und dem zaghaft schüchternen Verlangen nach einem persönlichen Kennen lernen, wenn er will. Theo will Susanne, aber er lässt sich ein paar Tage Zeit mit einer Antwort.  Er wartet darauf, dass sie nicht mehr klar denken kann, dass sie nur noch an ihn denkt, an ihn und das, was kommen wird, wenn er bei ihr ist und ihn rein lässt, in ihre Wohnung.

Das Date steht. Natürlich. Theo setzt sich in sein Auto und das Spiel kann beginnen. Sein Spiel, das er mit seinem Anruf schon längst gewonnen hat. Wieder mal. Wieder hat er geplaudert und geplänkelt, am Telefon. Wieder hat er es gekonnt vermieden, seine Nummer geben zu müssen, wieder die gleiche, immer wirkende Masche. Dass er für Wochen geschäftlich im Ausland wäre und dass er sie, Susanne, vorher noch gerne treffen würde. Wieder mit diesem Unterton, mit diesen versteckten Andeutungen, dass sie und nur sie die Frau sei, für die sich der weite Weg von ihm zu ihr lohnt. Theo spürt mit jedem ihrer Worte Susannes Erwartungen, die natürlich ganz andere sind, als seine. Er will sie nur ficken, so wie jede andere die er so kennen lernt. In den Weiten des Internets. Theo macht sich dabei nur Gedanken, wie viele Kondome er mitnehmen soll. Manche Frauen kriegen ja nie genug.

„Die Show kann losgehen“, denkt er, als er vor ihrem Haus parkt und klingelt und sie ihn mit einem bezaubernden Lächeln und dezent geschminkten Lippen hineinbittet. Susanne hat gekocht, hat überall Teelichte entzündet und ein Essen serviert, das besser und verdaulicher ist, als ihre lausige Lebensgeschichte. Immer der gleiche Scheiß und immer dann seine Frage, ob eine Hure nicht günstiger, unkomplizierter wäre. Aber wo bliebe dann der Reiz? So eine wie Susanne würde sich nicht mal bezahlt lohnen. Das weiß Theo, er kennt solche wie sie und genau das ist, was ihn anmacht. Die Hoffnung in ihren Augen, wenn er über ihnen liegt und sie hart nimmt und das ist mit keinem Geld zu bezahlen. Das ist sein Kick, den er braucht und ihm so eine Professionelle niemals bieten kann. Aber eine wie Susanne.

Theo hört ihr zu. Während er sich ausmalt, wie sie sich ihm ergibt, nickt hier und da interessiert, berührt ihre warme, nervöse Hand. Strahlt sie an, sieht ihre Vorfreude auf das, was kommen wird und lässt sie zappeln. Susanne ist nicht sein Typ. Ein wenig zu aufgesetzt, ein wenig zu jugendlich. Aber ihre Brüste sind so geil und prall wie auf den Profilfotos. Theo macht auf charmant, auf edelmütig. Gibt zu erkennen, dass er nicht so ein Typ für eine Nacht ist, dass er Susanne will, dass er nur sie begehrt und dass er sie wiedersehen will. Später, wenn er zurück ist. In ein paar Monaten. Und wieder notiert er Siegespunkte in diesem Spiel. In seinem Spiel. Susanne will nicht, dass er geht. Einfach so. Sie will, dass Theo sich an sie erinnert und sie anruft, wenn er wieder kommt. Nach Monaten. Innerlich grinst er, als sie ihn zu sich auf die Couch zieht und ihm ihre Lippen, ihren verlangenden Körper übergibt. Für das, was kommen wird und nur für das, um was es Theo geht. Er küsst sie erst zart, dann fordernd. Spürt Susannes Erregung und will jetzt haben, was ihm die alternde Frau bereit ist zu geben. Die in ihrem Profil nichts von One Night Stands hält und jetzt durch seine geschickten Hände so feucht und willig ist, wie eine läufige Hündin. Diese einsamen Schlampen sind doch alle gleich. Gut so, denkt Theo, als er ihr ins Schlafzimmer folgt.

Das Grauen in Lilienpracht. Lilien in der Vase auf der Kommode, Lilienmuster auf den Tapeten. Lilien auf der Bettwäsche. Er kann Lilien nicht ausstehen. Theo kann diese Art Frauen nicht ausstehen, die ihr Schlafzimmer so kleinmädchenhaft niedlich gestalten. Aber das hat auch immer was nuttig Billiges und das mag er wiederum, das ist, was Theo scharf macht. Wie Susanne sich da erwartungsvoll auf den Laken mit den Lilien räkelt. Ihr Mund so heiß und verlockend. Ihr Blow-job so langweilig wie ihre Lebensgeschichte, die er sich beim Essen anhören musste. Susanne ist Wachs in seinen Händen, stöhnt immer wieder laut auf, so wie Theo auch seine Zunge geschickt einzusetzen weiß. Sie riecht besser, als die von Vorgestern. Er mag den Duft der Frauen, Theo mag es, wenn er fast in ihnen zu ertrinken droht. Allein dafür lohnt sich so manch weite Fahrt ans Ziel. Sein Ziel.

Susanne krallt ihre Fingernägel in sein Fleisch, kreischt und bäumt sich zitternd auf, als sie beide zeitgleich kommen. Theo lächelt sie an, will noch mehr und hört nicht auf mit dem, was er gut kann und wofür er hier bei ihr ist. Sie wimmert leise vor Erschöpfung und Glück, so einen Kerl wie Theo neben sich liegen zu haben. Er betrachtet sie, fährt zärtlich über ihr immer noch erhitztes Gesicht, über die Linien ihres Alters, sieht wieder diesen ganz bestimmten, hoffenden Blick in Susannes Augen, den die Frauen alle drauf haben und der ihm jedes Mal signalisiert, dass es Zeit für ihn wird. Noch eine Weile, dann ist sie eingeschlafen. Mit einem Lächeln und ihrer Hand in seiner, die er sacht wegschiebt, als er vorsichtig aufsteht und keine drei, vier Minuten leise die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zieht. Auf der Straße schaut Theo hoch zu ihrem Fenster, grinst, weil sie nicht bemerkt hat, dass er gegangen ist und steigt zufrieden in sein Auto. Keine Adresse, keine Telefonnummer und genauso wie er es will und plant, wenn er zur nächsten Frau fährt, morgen oder übermorgen. Immer die gleiche Masche, immer der gleiche Kick, den Theo so sehr braucht und dafür nimmt er gerne hin, dass er sich danach jedes Mal ein Stückchen leerer fühlt, wenn er sich von diesen einsamen und so leicht zu habenden Frauen davonschleicht. In der Dunkelheit der anonymen Nacht und mit diesem Gefühl.

Das so leer ist wie sein Profil, wenn Susanne es morgen früh anklicken wird.

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