Das Mädchen auf der Straße
Das Mädchen auf der Straße

Das Mädchen auf der Straße

Ihr junges Gesicht wirkt plötzlich so erwachsen. Auf eine Art, die mich anwidert. Vulgär. Berechnend und emotionslos.

Ich schrecke aus meinem Gedankenmüll auf, als sie mich nach einer Kippe fragt.

Hatte bei meinem ziellosen Spaziergang durch die Stadt nicht bemerkt, in welchem Viertel ich gelandet war. Irritiert schaue ich zu ihr herüber. Taxiere sie misstrauisch von oben herab. Habe schlechte Laune und will nicht blöde von der Seite angequatscht werden. Schon gar nicht von irgendwelchen Schnorrern, die fast an jeder Ecke stehen. Hier in dieser Stadt. Will sie anschnauzen, dass sie mich in Ruhe lassen und sich verpissen soll. Irgendetwas an ihr hält mich davon ab.

Da steht sie.

Neben mir und vielleicht 1,65 groß, ziemlich dünn und frierend. Kein Wunder. So, wie sie angezogen ist. Billige, sommerliche Klamotten. In dieser späten Winternacht. Sage nichts und schaue sie nur an. Sie mich auch. Auf eine gewisse Art. Abstoßend und mitleiderregend zugleich. Irgendwie. Gebe ihr wortlos eine Zigarette. Und Feuer. Sie bedankt sich und will wissen, was ich hier mache. Ob sie etwas für mich tun kann. Dabei sieht sie mich so eigenartig an. Sie ist hübsch. Und jung. Sehr sogar. Bevor ich darüber nachdenken kann, was so ein junges Mädchen nachts hier auf der Straße macht, fängt sie an auf mich einzureden.

Sagt, dass sie mich hier noch nie gesehen hat.

Plappert belanglose Dinge, die an mir vorbeizurauschen scheinen. Ihre Augen sind es, die erzählen und mich in ihren Bann ziehen. Leblose, stumpfe Augen. Und doch, irgendetwas schimmert in ihnen. Etwas, das mich berührt. Fragt, ob ich mit dem Auto da bin. Nein, bin ich nicht. Sie zuckt zusammen bei meinem harten Nein. Zieht hektisch an der Kippe und murmelt, dass sie doch nur gefragt hat, weil ihr kalt ist und etwas Wärme nicht schlecht wäre. Der zaghafte Klang ihrer Worte trifft mich. Mürrisch entschuldige ich mich und frage, was sie denn hier macht. So spät. In dieser Herbstnacht. Sie grinst mich an.

Erst jetzt wird mir klar, was sie will.

Ihr junges Gesicht wirkt plötzlich so erwachsen. Auf eine Art, die mich anwidert. Vulgär. Berechnend und emotionslos. Tief ziehe ich die frische Luft ein. Will gehen. Sie stehen lassen. Soll sie doch zu anderen ins Auto steigen. Denen geben, was sie offensichtlich anzubieten hat. Aber ich kann nicht gehen. Sie ist noch ein Kind. Sehe es. Hinter dem geschmacklosen, viel zu grellen Make-up. Und den Spuren in ihrem Gesicht. Spuren viel zu vieler Nächte. Hier, auf der Straße. Ich weiß nicht warum und doch frage ich, ob sie einen Kaffee oder eine wärmende Suppe möchte. Dort drüben in dem Lokal gegenüber.

Erstaunt schaut sie mich an.

Ich bestelle 2 Tassen Milchkaffe und ein Päckchen Marlboro bei der schmuddeligen Bedienung. Das Mädchen raucht eine Zigarette nach der anderen und verbrennt sich fast die Lippen an der heißen Brühe. Sitze ihr wortlos gegenüber und höre zu. Sie erzählt von ihren jüngeren Geschwistern. Die beide im Heim sind. Den Eltern, die nur saufen und Videofilme gucken. Asoziales Pack, sagt sie. Kann ihr kaum folgen, so prasseln ihre Sätze auf mich ein. Von ihrer Oma, die nicht mehr da ist und immer gut zu ihr war. Und ihrem Alten, der sie mehr als einmal zusammengeschlagen hat. Wenn sie nicht wollte, wie er. Merke, dass mir übel wird. Ja, Klischees haben ihre Wahrheit. Die mir nicht gefällt. Nicht in diesem Augenblick. Spüre Mitleid. Und auch Wut. Darauf, was sie ist. Auf die, die sie zu der gemacht haben, die sie nun ist. „18“, antwortet sie, als ich frage, wie alt sie denn sei. Das ist eine Lüge. Sie weiß, dass ich es weiß.

Schätze sie auf höchstens 15, vielleicht 16.

Ich wäre nett, sagt sie. So einer wie ich ist ihr noch nicht begegnet. Sonst sind die älteren Männer immer anders. Klingt bitter, wie sie es sagt. Merke meinen aufkommenden Zynismus. Will sie rügen. Dafür, dass sie mich mit diesen Männern vergleicht. Meine Eitelkeit ist fehl am Platz. Manche sind nicht mal so schlimm, sagt sie fast tonlos. Bei einem darf sie zuweilen sogar übernachten. Wenn sie fertig sind. Darüber ist sie froh. Sonst schläft sie bei irgendwelchen Typen. Dort ist es dreckig. Und es stinkt. Sie plappert und plappert. Glücklich, mal reden zu dürfen. Dankbar, dass ihr jemand zuhört. Ohne zu verlangen. Ja, sie hat Zukunftspläne. Möchte eine Ausbildung machen. Vielleicht Krankenschwester oder so. Aber dafür braucht sie Geld. Und einen Abschluss.

Hektisch löffelt sie die Goulaschsuppe.

Kratzt sich zwischendurch an den verkrusteten Wunden der Einstiche. Die ich erst jetzt an ihren Armen entdecke. Natürlich. Was sonst. Sie haben ihre Wahrheit. Diese verdammten Klischees. Traurig fixiere ich ihre Augen. Die für eine Weile leben. Und jung sind. So wie sie. Sie bemerkt es und grinst mich an. Da ist es wieder. Dieses professionelle. In ihrem Blick. Ihre Stimme. Dunkel und verführerisch. Gekonnt bläst sie den Zigarettenrauch in mein Gesicht und schaut mich auffordernd an. 15 Euro und ohne Gummi, 30, sagt sie grinsend. So lange ich will. Aber ich will nicht. Nicht für 15 Euro, nicht mit oder ohne Gummi. Ich zahle. Kaufe ihr noch ein weiteres Päckchen Zigaretten. Ein Schnitzel zum Mitnehmen und eine Tüte Haribo Goldbären. Die mag sie gern, sagt sie.

Draußen stehen wir voreinander.

Sie und ich. Bin immer noch traurig. Und resigniert. Darüber, dass ich nichts für sie tun kann. Taxiere sie wieder. Dieses Mädchen, das längst keines mehr ist. Noch eine Weile, und auch das letzte Stückchen Kindheit wird verschwunden sein. Aus ihrem Gesicht. Für einen kurzen Augenblick, nur für ein paar Sekunden denke ich, dass ich ihr vielleicht helfen könnte. Nein, ich kann es nicht. Sie lächelt mich an. Da ist es wieder. Das Mädchen. Dieses Kind in ihrem Gesicht. Zart und unschuldig. Ihre Augen erzählen eine ganz andere Geschichte. Die nicht meine ist. Verkommen und abstoßend. Wundere mich kurz über meine egoistischen Gedanken. Gesunder, abwehrender Egoismus. Es ist ihre Geschichte und sie schreibt sie. Nur sie. Tief atme ich die frische Luft dieser winterlichen Nacht ein und berühre leise ihren Arm, als ich mich von ihr verabschiede und ihr alles Gute wünsche. Dorthin, wo sie jetzt gehen wird. Sie schaut mich an. Und lächelt so kalt wie das Dunkel dieser Nacht.

Das Mädchen und Klischees, die ihre Wahrheit haben.

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