Annas letzte Reise
Annas letzte Reise

Annas letzte Reise

„Und doch, noch einmal fühle ich deine Stärke, noch einmal sehe ich das junge Mädchen, das ich von alten Bildern kenne und so liebte, Trotz allem. Nichts ist mehr übriggeblieben, von der Frau, die mir so weh getan hat. Immer wieder und immer wieder, bis es nicht mehr weh tun konnte.“

Gegenüber von deinem Bett brennen auf der Kommode ein paar Kerzen. Sie werfen flackernde, seltsame Figuren an die Wand. Sonst ist es dämmerig und genau so, wie du es immer gerne mochtest. Ganz tief ist dein Kopf in dem großen Kissen eingekuschelt. Dein eingefallenes, blasses Gesicht wirkt entspannt und nichts ist mehr von dem Schmerz zu sehen, der so viele Monate an dir gezehrt hat. Spürst ihn nicht länger. Dein geschundener, müder Körper hat kapituliert und was aufgegeben ist, empfindet man auch nicht mehr.

Ruhig und flach dein Atem.

Zwischendurch ein Krächzen und dann wieder Stille. Habe mich an diese Geräusche gewöhnt und erschrecke nicht mehr, wenn sie so völlig unerwartet kommen. Immer wieder schaue ich in dein Gesicht. So faszinierend. Dein ganzes Leben kann man darin lesen. Gezeichnet von Erlebnissen, erzählt es von Dingen, die wir beide zu gern vergessen würden. Dieses Gesicht, das zuletzt so alt und faltig geworden ist.

Dein Leben war nicht immer einfach. Bestimmt nicht, ich weiß. Oft genug haben wir zusammen gesessen und du erzähltest von damals. Deine Kindheit. Geboren am Ende eines grausamen Krieges, aufgewachsen in den Trümmern der Bomben und mit den Entbehrungen der Zeit, nach der verheerenden Zerstörung. Ohne Eltern und bei Oma aufwachsend. Die Jugend. Oft unbeschwert. Fröhlich. Und geprägt von den Schlägen deines Großvaters.

Bist von daheim weggegangen. Es gelang dir schnell, allein zurecht zu kommen. Wohntest mit einer Freundin zusammen und hast in den Nächten in einer Bar gearbeitet. Hinter der Theke gestanden und Drinks gemixt. Harmloses und ehrlich verdientes Geld. Doch für die Leute warst du die Bardame, das Ami-Flittchen. Lerntest meinen Vater kennen. Wurdest kurz darauf schwanger und hast ihn bald wieder verlassen. Untreue, versoffene Männer waren nicht dein Ding.

Der Mann, den du später geheiratet hast auch nicht.

Er liebte dich. Ja. Konnte dir Sicherheit und Geborgenheit bieten und die Ehe hat dann doch mehr als 30 Jahre gehalten. Eure Scheidung war freundschaftlich. Nach all dem – ein Wunder. Er konnte deinen unsteten Lebenshunger, die melancholische Sehnsucht nach etwas Ungreifbarem auch nicht stillen. Wie oft warst du getrieben von dieser Rastlosigkeit, die dir am Ende den Atem nahm. Nicht selten hast du dich im Alkohol ertränkt und in Selbstmitleid gesuhlt und wir mussten jeden dieser Momente aushalten und ertragen. Wir Kinder.

Heute verstehe ich das gut und kann es nachvollziehen. Damals als Kind, nicht. Gerne hätte ich dir so oft die Flasche vom Hals gerissen. Dann, wenn du es wieder nicht sein lassen konntest, dich hemmungslos zu besaufen und das beinah bis zur Bewusstlosigkeit.

So oft.

Heute ist es nicht mehr wichtig, aber vergessen?

Nein, vergessen werde ich das alles wohl nie. Vergeben? Vielleicht, „Verzeihen ist gesund“, hast du immer gesagt. Stimmt, und das war ja auch nicht ganz uneigennützig. Von dir und so häufig, wie Du Vergebung von uns wolltest – und sie immer wieder bekommen hast. Von uns. In den vergangenen Jahren ist es dir gelungen, vieles von den unschönen Momenten vergessen zu lassen. Auf einmal war da ein Verhältnis zwischen uns. Freundschaftlich und innig. Etwas, was ich nicht von uns kannte. Wir haben viel gelacht und selbst als wir längst von deiner Krankheit wussten, nie ganz damit aufgehört.

Welch makabere Bedeutung Spaß doch haben kann.

Jetzt sitze ich hier neben dir am Bett. Der Mond leuchtet durch das kleine Fenster und lässt dein Gesicht noch blasser, fast unwirklich erscheinen. Mein Herz zieht sich merkwürdig zusammen und mir fällt es schwer, dich anzusehen. Wenn du Glück hast, wirst du noch die ersten Lichtreflexe der Morgendämmerung durchs Fenster lugen sehen. Dein Kampf ist zu Ende. Mutig und ohne zu jammern hast du alles ertragen. Die Schmerzen, die Nebenwirkungen der Medikamente. Deinen Stolz musstest du neu definieren. Wie hast du dich geschämt und erniedrigt gefühlt, wenn dir irgendeine Schwesternschülerin den Hintern abgewischt hat, weil du zu schwach warst, dir dieses letzte Stückchen Würde selbst zu erhalten.

Vieles gelernt hast du noch. Gelassenheit, Toleranz und Freude am Leben. So manches Mal war ich erstaunt und überrascht, was für ein liebenswerter Mensch da wirklich in dir wohnte. Spät durfte ich dich noch einmal kennen lernen. Vielleicht zu spät? Ich weiß es nicht.

Zu spät für das Stückchen Frieden zwischen uns war es nicht, das weiß ich.

Ich muss wohl eingenickt sein.

Irgendein Geräusch hat mich aufgeschreckt. Mit übermüdeten Augen schaue ich zum leicht geöffneten Fenster. Kühle, frische Luft dringt durch den Spalt. Die Dämmerung setzt bereits ein und die ersten Spatzen begrüßen den neuen Tag. Ich drehe mich zu dir rüber – und du siehst mich an. Nehme deine Hand und halte sie ganz fest. Halte dich fest, mag dich nicht loslassen. Aber ich muss. Du willst was sagen, aber ich kann dich nicht hören. Verstehe nichts von deinen lautlosen Worten. Selbst das krächzende Flüstern fällt dir schwer. Wir beide wissen, dass sich für uns die Zeit nicht mehr buchstabieren lässt. Das sie uns nicht mehr gemeinsam zusammen sein lassen will. Das, was sich Zeit nennt.

„Verzeih mir“

Mühsam, aber klar und deutlich hast du das gesagt. Ich kann meine Tränen nicht mehr halten und will sie auch nicht länger unterdrücken. Du lächelst mich an. Kurz. Schwach. Und doch, noch einmal fühle ich deine Stärke, noch einmal sehe ich das junge Mädchen, das ich von alten Bildern kenne. Nichts ist mehr übriggeblieben, von der Frau, die mir so weh getan hat. Immer wieder und immer wieder, bis es nicht mehr weh tun konnte. Das, was du mir alles angetan hast. Als Mutter, und als Mensch.

Du atmest schneller und wirst unruhig.

Wir sehen uns an. In deinen Augen erkenne ich deine Angst vor dem, was sicher gleich kommen wird. Sehe deine Liebe. Liebe, die du für mich empfindest und mir so selten zeigen konntest. Und ich sehe den Abschied. Von mir. In deinen Augen. Dein Blick verfängt sich im trüben Licht der Morgendämmerung und du drückst meine Hand. Ich lasse sie nicht los. Lasse dich nicht los, während ich aufstehe um das Fenster ganz weit zu öffnen.

Ein seltsam warmer Windzug streift mein Gesicht. Als wäre er ein letztes, sanftes Streicheln. Von dir. Spüre, dass die Zeit keine Bedeutung mehr für dich hat und wage kaum, dich wieder anzusehen. Aber ich muss. Ich will. Irgendwie.

Ich muss.

Gute Reise, Anna.

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