26. april, montagsgejammer
26. april, montagsgejammer

26. april, montagsgejammer

„Vereinzelt schleichen Leute mit ihren Hunden vorbei. Meist mit gesenktem Kopf und als ob sie erst gar nicht angesprochen, gar nicht bemerkt werden wollen. Die Leute.“

Ich bin abgekackt.

Seit ein paar Tagen und zack. Von jetzt auf gleich und ganz übel. Ich kenne das schon. Zu oft und zum Kotzen. Irgendwas in mir macht dann plötzlich klack und ich sacke innerlich zusammen. Oder schalte mich aus. Ja, ich schalte mich aus.

06:23. Montagmorgen und das einzige was draussen Geräusche macht, sind die Piepmätze. Sonst, alles still. Diese verdammte Pandemie zermürbt alles und jeden. Kein Auto, kein Bus zu hören. Vereinzelt schleichen Leute mit ihren Hunden vorbei. Meist mit gesenktem Kopf und als ob sie erst gar nicht angesprochen, gar nicht bemerkt werden wollen. Die Leute. Man kann sie spüren, und sehen. Die Resignation und die Müdigkeit. Man kann spüren und sehen, wie der Unmut und die Aggressionen zunehmen. Auch bei einem selbst.

Auch wenn die meisten von uns nicht so sind, das auch nie wollten, wir alle haben uns verändert. Diese Covid19scheiße und alles, was damit passiert ist und noch passieren wird. Alles, all das hat die meisten von uns verändert. Selbst wenn diese Pandemie jemals unter Kontrolle, vielleicht sogar beendet ist, ein Vorher wird es nicht mehr geben. Und egal wie das Nachher aussehen wird, die Gesellschaft wird kälter und egoistischer sein. Und hemmungsloser, wenn’s um den eigenen Arsch geht. Ist echt ne lange, quälende Geschichte und ich traue mich kaum mir auszumalen, wie es in ein paar Monaten sein wird? Mit der Welt und den Menschen. Besonders mit den Menschen.

06:41.

Abgekackt. Was alles hinter dem banalen Wort stehen kann. Klingt auch lange nicht so dramatisch wie Zusammenbruch. Oder sich gehen lassen. Ach was weiß ich wie ich das nennen soll, wenn’s passiert. Oder weshalb.

Ich weiß nicht, ob du dann plötzlich durch mein Bewusstsein schießt und mich erinnerst. Versteh mich nicht falsch, du bist immer da, immer. In meinem Herzen. Und meinen Erinnerungen. Die ich abrufe, wenn mir danach ist und ich es aushalte. Und ich an dich denken möchte. Und kann. Mir ist immer noch, als wäre ich nur eine Hälfte. Aber du bist nicht mehr Teil meines Alltags. Scheiße, das klingt gerade grausam und fühlt sich auch so an. In meiner Brust. Aber es stimmt ja, es ist wahr. Du bist nicht mehr da und nach 3 Jahren hab selbst ich das begriffen. Da, in meiner Brust. Wie sich das immer noch anfühlt, geschenkt.

Ich weiß nicht.

Ich weiß nicht, vielleicht ist das so ne Art Selbstschutzmechanismus, vielleicht reagiert mein Körper ja inzwischen radikal darauf, wenn ich mich übernehme. Oder meine Seele? Ich könnte meinen Doc anzischen, wenn er sagt, dass ich jetzt in einem gewissen Alter bin und es länger dauert, bis ich wieder einigermaßen aufgepäppelt bin. Klar hat er Recht. Ungeduld. Nicht wahrhaben wollen. Schrecklich. Ich.

Hau mich in meiner Traurigkeit um dich so dermaßen in die Scheiße und wundere mich jetzt, wenn das mit dem da wieder Rausziehen dauert. Oder vielleicht in Teilen auch nicht mehr geht. Mich da rauszuziehen. Emotional hat’s da irgendwo in mir ordentlich geknackst. Und das lässt sich auch nicht mehr in Ordnung bringen. Das ist jetzt so und ich lerne. Lerne, damit zu leben.

Das ist manchmal noch schwierig und vielleicht mit Grund, weshalb es gerade so mit mir ist. Abgekackt.

Ist echt ne ulkige Bezeichnung dafür, dass man sich tot anfühlt. Nicht tot wie tot, aber so ähnlich. Wie sich das anfühlt, wenn man vermeintlich gar nichts mehr fühlt. Wohl nichts mehr fühlen will. Und das fühlt sich noch schlimmer an. Und trotzdem passiert es. Und trotzdem ergibt man sich dem. Ergebe ich mich. Dann ist alles egal. Dann schaffe ich es gerade noch, mein Pflichtgefühl und den Hund zu packen, und rauszugehen. Nicht leicht, wenn sich alles starr und stumpf anfühlt. Wenn man von der Welt und den Menschen nichts mitbekommen mag.

Wenn ich von mir nichts mitbekommen mag.

Und von dir.

Die Welt da draussen. Und die Menschen. Kraft. Energie. Aufpäppeln. Wenn das alles noch nicht wieder so rund läuft und fehlt. Wenn ich spüre, dass du fehlst, jetzt. Wenn ich wieder nicht weiß, wo das alles noch hinführen soll, wohin das mit mir noch geht, und wie lange. Wenn. Wenn, wenn. Das muss Schutzmechanismus sein. Ich breche dann nicht zusammen, tatsächlich schalte ich mich ab.

Aber das ist trotzdem übel. Egal wie ich diesen Zustand nenne, ich will das gar nicht. Will gar nicht mehr so traurig und hoffnungslos sein, will nicht mehr alles in Grau sehen. Ich will dich nie vergessen und ich will dich immer lieben. Ich will, dass du in meinen Erinnerungen bleibst und will davon zehren, dass es dich gegeben hat. Du, mein Lebenslieber. Ich will. Ich will. Ich will!

Ich will aber nicht mehr wie tot sein. Es reicht, dass du es bist.

09:36. Die frische Luft hat gut getan. Kalt ist es. Aber das macht nix. Strahlender Sonnenschein und Himmel im imposant schönstem Blau. Doch, ich bin noch nicht tot und verdammt noch mal, ich will mehr davon. Egal wie lange noch. Und hab schon längst und sogar gerne wieder angefangen, zu leben. Klappt noch nicht alles so gut und ich bin oft chaotisch. Und planlos. Und vergesslich. Und so schrecklich schrullig. Und wieder alles von Vorne und was wollte ich gleich noch mal? Schrecklich. Und ein bisschen schön. Lebendig. Kommt von Leben, kommt von gibt’s nur 1x.

Natürlich hab ich das komplett vergessen, dass mit dem Leben. War alles egal und ich besonders. Was soll ich hier ohne dich? Hab mein halbes Leben mit dir gelebt. An deiner Seite. Haben miteinander gelebt. So lange und mit Allem. Zuhausegefühl. Heimkommen. „…da wo mein Herz wohnt“, hast du oft grinsend gesagt, wenn du nach Jobreisen nach Hause gekommen bist. Und ich es kaum erwarten konnte, dass du endlich wieder da bist. Ich konnte lange einfach nichts anderes, als mein eigenes Leben zu vergessen. Nachdem deins vorbei war.

Deins ist immer noch vorbei und meins immer noch nicht.

Ich glaube echt, dass das lange dauert, bis Verstand, Herz und Seele wieder funktionieren. Und bis da wieder so was wie Kommunikation untereinander ist. Bis es wieder ne einheitliche Koordination gibt. Da drinnen in Kopf, Brust und sonst wo. Bis das schnöde Dasein, Alltag, das Leben wieder Spaß machen. Vielleicht nicht mehr ganz die Leichtigkeit des Seins, vielleicht werde ich nie damit klar kommen, dass ich nichts mehr mit dir teilen kann. Dass ich jetzt ohne Wir bin. Ich weiß nicht. Aber ich will noch mehr von dem Blau. Das weiß ich.

Klugscheißererkenntnisse kann ich gut.

Ich kann auch gut wieder den Schwanz einziehen und erst mal wieder hadern. Und grübeln. Nervt.

11:02.

Über meinen orakelnden Pessimismus hast du auch oft gegrinst. Oder warst genervt. Und ich konnte mir dann selten ein „hab ich doch gesagt“ verkneifen. Optimismus ist gut, Vorausschauend sein, besser. Hast du eingesehen. Und gegrinst. Ich weiß nicht, ob ich heute noch pessimistisch bin, oder besser, vorausschauend. Und, ich bin mir tatsächlich nicht mehr sicher, ob ich wirklich weiß, wie du heutzutage auf diese Zeit reagieren würdest. Was das alles mit dir gemacht hätte. Was wir gemacht hätten. Vielleicht wären wir längst abgehauen. Alles verkauft, ab in einen Campervan und Tschüss. Wollten wir machen, irgendwann. Hätten wir jetzt gemacht, vielleicht.

Ne, ich weiß es nicht. Heute weiß ich echt viel nicht. Achso ja, abgekackt. Und du und das Jetzt.

Mittags gehe ich mit Hundi ne große Runde und auf dem Rückweg durchs Innenstädtchen. Setze mich auf die Bank vor der Kirche und beobachte das karge Treiben. Im Vergleich zum Normalzustand ist karg ein Witz. Die Pandemie und ihre Folgen macht alles kaputt. Gäbe es gegenüber nicht den Eisladen und weiter vorne den Gemüse- und Obststand, wäre garnix los. Ist in der Großstadt bestimmt lebendiger, aber hier in einem kleinen Ort auf dem Land verheerend leer. Ich beobachte. Und ich muss überhaupt nicht pessimistisch drauf sein, um zu sehen. Pandemie. Menschen. Veränderung.

Was für eine Zeit.

Hat die Regierung, hat Merkel und ihr Stab versagt? Oder sind sie einfach nur überforderte Menschen, wie wir alle? Fehler. Verständnis. Regeln weiter einhalten. Nicht missmutig werden. Aufpassen und weiterleben. Ist schwierig. Wird immer schwieriger. Geduld. Schweres Wort geworden. Impfen, Testen. Inzidenzwerte. Heute so und morgen wieder so. Querdenker. Verschwörungstheoretiker. Schauspieler, die keinen Spürsinn dafür hatten, dass den Leuten Humor und Sinn für Ironie und Satire schwer abhanden gekommen ist, und die Aktion nur nach hinten losgehen konnte. Medien wie die BILD, die mit billigen Schlagzeilen das „Volk“ trotz der hochsensiblen Gemütslage aufhetzen. „Einsperr-Gesetz“, ein Fressen. Politiker und Ministerpräsidenten, die sich ihren eitlen Befindlichkeiten hingeben.

Und die Teil des Versagens sind. Föderalismus hat dem Land in dieser Pandemie mehr als geschadet. Über den Winter einheitlich, und für alle verstehend, mal einen harten und strengen Lockdown so lange es nötig ist und wir hätten vielleicht einen leichten Sommer erleben können. Jetzt erleben wir platzende Infektionszahlen, Tote und Chaos. Die Mehrheit schließt sich noch an, hält sich an Maßnahmen und Regeln. Verständnis und Geduld.

Wie lange noch? Es brodelt. Normalbürger wird zunehmend Wutbürger. Emotional vor Rational. Futter für Populisten und rechte Elemente. Noch ein paar Monate bis zu den Wahlen. Und noch soviel Zeit, um an den richtigen Stellen zu nähren. Und die Hand ans richtige Kreuz zu führen. Im September. Unheimlich.

Mach ich deshalb manchmal komplett dicht? Ich überlege.

12:05. Nein. Das ist schon die Sache mit dem Krieg und dem Frieden. In meiner Brust. In meinen Erlebnissen. Der letzten 3 ½ Jahre. Erst du. Dann Mama. Deine kurz danach. Überlebenskampf. Geld. Geld. Geld. Existenz. Angst. Langsam wieder hochkommen. Atmen. Frieden? DNA-Tests und Nichtvaterschaften. Ein Nichtvater der froh ist, nicht Vater zu sein. Eine Schwester, die plötzlich keine mehr ist und doch immer bleiben wird.

Und die kleinste, die kleinste von den Schwestern. Die Kleine. Wieder in einem kalten Wintermonat. Wieder. Wieder diese unendliche Trauer, wieder diese Schmerzen. Wieder.

Ist Abkacken wirklich das richtige Wort, wenn ich verschwinde? Wenn mich das Jetzt und Hier überfordert, wenn ich von mir und meinen Seltsamkeiten überfordert bin. Oder genervt? Angekotzt? Alles zusammen? Wenn ich spüre, dass meine Traurigkeit durchbricht und immer noch so weh tut. Sehnsucht. Wehmut. Liebe. Wenn das alles so weh tut und ich das nicht mehr spüren will? Gar keine Kraft mehr habe, das auszuhalten?

Was frage ich mich das eigentlich?

Ich weiß es doch.

Es ist nicht die Zeit. Nicht, dass die Lebensumstände da draussen gerade so düster sind. Nicht die Angst, infiziert zu werden und am Ende noch elendig auf ner Intensivstation zu ersticken. Meine ramponierte Lunge und ich.

Vielleicht ist es das ein bisschen. Auch.

Fassungslosigkeit. Gewissheit. Weiterleben. Ohne dich.

Ne, bei aller wiedergewonnenen Lebensfreude, dem Spaß, der Lust auf Morgen, und sogar auf ein Übermorgen. Es gibt Momente, es gibt Phasen, da kracht mein Inneres brutal nach Außen und wütet los. Die einzige Kontrolle die ich dann noch habe, ist mein Selbstschutz. Bevor es überhaupt wüten kann, schalte ich mich ab. Klappt auch nicht immer, aber meistens. Ist wie ein gutes, wirksames Medikament das man sich reinpfeift. Wenn man merkt, dass die Symptome kommen und die Ursache noch nicht verheilt ist. Nebenwirkungen inklusive.

Nebenwirkungen.

Daran muss ich echt noch werkeln.

Besser damit umzugehen, besser da wieder rauszukommen. Wenn ich abgekackt bin. Ich bin das nicht da im Spiegel. Unrasiert und müffelnd, weil ich auch schon mal das Duschen vergesse. Schlechtgelaunt und wortkarg. Verschlossen. Weg. Ne, das bin ich nicht. Und doch, das bin ich. Ich seh den gewaltigen, brutalen Schlag. Im Spiegel. Ich seh ihn in meinen Augen. Diesen Schlag, den es mir versetzt hat. In deine zu gucken. Und dich nicht wieder zu finden. Dich. Nie wieder.

Zeit. Wunden. Heilen. Auch große und bedeutende, schwere Worte. Heilt die Zeit wirklich alle Wunden? Tut sie das, die Zeit?

13:01. Zeit, zu duschen.

Wenn ich schon abgekackt bin.

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*