22. juni, knallkopfgedanken
22. juni, knallkopfgedanken

22. juni, knallkopfgedanken

„Ich hadere. Seit Tagen bin ich unruhig. Und hadere. Mit der Welt. Und vor allem mit mir. Ich bin überfordert und verwirrt. Und ich bin müde und wach zugleich. Und das auch noch völlig nüchtern.“

Draussen kreischende Vögel und fauchende Katzen, die sich um die Beute streiten, drinnen der Hund, knurrend, weil er Katzen jagen möchte. Ich würde es ihm gönnen. Die fetten, satten Dorfkatzen reißen die Vögel aus reiner Lust und Dollerei und es ist wirklich nicht lustig, wenn man die gestern noch quirlig eifrige und werdende Amselmama morgens völlig unquirlig und kopflos auf der Terrasse findet. Da darf Hund sonst liebend gerne Gas geben. Früh morgens ist das aber ein bisschen ungünstig. Ruhestörung, Nachbarn und so.

05:51.

Ist auch ungünstig, von dem tierischen Gebrüll geweckt zu werden. Morgens um diese Zeit. Hab ich überhaupt geschlafen? Hab ich. Langsam schlafe ich tatsächlich wieder besser. Und länger als 2 oder 3 Stunden. Die paar Tage Klinik inklusive Knall im Kopf haben auch gute Nachwirkungen. So langsam komme ich nach dem Schock wieder in einen naja, normalen Rhythmus. Tag ist Tag und Nacht ist Nacht. Nicht durcheinander, oder umgekehrt. Oder gar nichts.

Rhythmus. Normal.

Mit ein bisschen emotionalem Abstand ist es spannend. Und faszinierend. Was so ein Erlebnis mit einem macht. Aus einem macht. Was es mit mir gemacht hat. Das mit den Schlägen. In meinem Kopf. Wie sich der lahme, baumelnde Arm anfühlte, und das wegknickende Bein. Die paar Mal vorher war es nur der Arm, und ich hab’s ignoriert. Dachte nur jedes Mal „Huch, wat is dat denn?“ und hab munter weiter gekifft, was in meine dumme und stumpfe Birne reinging und trotz dem mein Arm so vor sich hin hing. Ich meine, ich hing ja selbst so vor mich hin. So lange und seit du nicht mehr da bist. Die einen pumpen sich mit Beruhigungs- oder Schlaftabletten voll, andere fangen an, ihre Schmerzen, ihre entsetzte Traurigkeit wegzusaufen.

Ich bin nur ganz still geworden.

Und hab mich fast um mein Leben zugekifft. Beballern. Ausschalten. Ausschalten, was in mir schreit. Und rennt und rennt und rennt. Bist du das schuld? Ist es deine Schuld, dass es mich zerrissen hat? Dass es mir das Herz gebrochen hat, und meine Seele gleich dazu? Nein. Du kannst nichts dafür, bist nicht schuld daran, was aus mir die letzten 3 Jahre geworden ist, was es aus mir gemacht hat. Weil du tot bist.

07:23, mein 1. Frühstück.

Ich esse wieder. Fast schon regelmäßig und wieder vernünftig. Und es schmeckt sogar wieder, das Essen. Vorbei, hastig und mit Würgegefühl morgens irgendwann eine Banane reinzuquälen, „weil ich ja was essen muss“. Abends dann irgendeinen Fastfood-Scheiß und oft gar nichts und immer nur das Eine im Kopf, nichts spüren zu müssen. Nichts mehr, gar nichts mehr. Wie dumm von mir. Wie dumm zu glauben, dass das das beste Mittel ist, auszuhalten. Und zu vergessen. Wie dumm.

Ich erinnere mich wie das war, erst vor ein paar Monaten. Wie das war, als ich mich das erste Mal getraut habe, mich vor den Spiegel zu stellen. Mich vor mich selbst zu stellen und mich anzugucken. Nicht zu gucken, ob ich mich vernünftig rasiert hab, die Zähne sauber sind und niemand bemerken kann, wie schmutzig es mir geht.

Nein, mich anzugucken. Mir in die Augen zu gucken. So lange tiefste Dunkelzeit. So lange Vergessen und Beballern. Alles, so lange. Essen. Schlafen. Mich. Alles vergessen. Vergessen, wie Leben geht. Vergessen, dass es nur das Eine gibt. Und die noch verbleibenden Sommer für mich überschaubar geworden sind.

Zeit.

Vergessen oder Verdrängen?

Nicht gut. Für ne Zeit schon, aber nicht für immer. Ich konnte und wollte schon längst nicht mehr länger in diesem Selbstschutzbunker vor mich hinvegetieren. Und weiter vereinsamen und resignieren. Ich, der irgendwo da tief in mir immer noch da war. Und der immer verzweifelter dagegen ankämpfen wollte, und doch zu feige und zu schwach war. Und jeden Tag aufs Neue verloren hatte. Den Kampf. Gegen die süchtigen, gierigen Dämonen auf der Suche nach Stille. In meiner brennenden Brust.

08:04. Tatsächlich wieder Sonnenschein. Nach der Hitze kam das Unwetter und mit ihm das Grau und die Kälte zurück. Seit ein paar Tagen. Das kalte Grau in mir ist aber bisher nicht wieder gekommen. Seit es geknallt hat. In meinem Kopf. Seit nicht nur der Arm und auch mein Bein plötzlich weg waren. Seit ich vor ein paar Wochen tagelang an Überwachungsgeräten gekabelt und bewegungslos war. Seit ich wieder nüchtern bin und klar denken kann. Und fühlen. Die Realität kann ein grausames, unerbittliches Monster sein. Und das man selbst erschaffen hat. Nichts ist vorbei, von dem was vor mehr als 3 Jahren passiert ist und es ist mit einer Wucht wiedergekommen. Mit einer Wucht, die mich jetzt erst recht erschlägt – und vor der ich so lange weggerannt bin. Aber ich renne nicht mehr. Ich stehe hier und halte aus, so gut ich kann. Erinnere mich immer klarer daran, was passiert ist. Erinnere mich daran, weshalb ich so gerannt bin. Von dieser ersten Sekunde an. In dieser ersten Sekunde des Begreifens, dass deine grünen Augen nie mehr leuchten werden, sie nie wieder deine große Liebe zu mir in mein Herz gucken werden.

Lebensliebe. Vertrauensmensch. Herzensgefährte. Kopfzurechtrückler.

Das war dein Spiegel. Er hing im Flur und als ich wegziehen musste, hab ich ihn mir ins Bad gehängt. Der ist groß und ich kann alles sehen, was ich sehen muss. Oder will. Manchmal sehe ich dich noch in dem Spiegel. Wie du dir deine Haartolle zurechtgezupft hast, oder die Krawatte. Oder mal wieder komplett durchgeknallt albern gackernd und verdammt liebenswert deinen stattlichen Bauch nackich hin und her gewuppt hast. Im Duett mit deinem Spiegelbild. Verrückter Hund.

Dein Spiegel.

Meine Fresse. Was hatte ich Schwierigkeiten, mir in die Augen zu gucken. Vor ein paar Monaten. Mich anzugucken. Bewusst und klar und so, wie es ist. Hab angefangen zu zittern. Herz reißt Hals auf. Hab mich angeguckt. Und sofort wieder gewusst, weshalb ich so lange nicht mehr da bin. Nicht mehr da sein will. Nicht tot, aber auch nicht lebend. Irgendwas und bloß nichts spürend. So mächtig. Zu mächtig um stark zu sein. Und mutig genug, wieder wach zu werden Und zu bleiben. Zu mächtig. Wollte lieber wieder feige und beballert sein, lieber wieder weggucken. Lieber wieder rennen. Noch vor ein paar Monaten.

Hab es wieder nicht aushalten können und bin weitergerannt. Weiter. Weiter. Und weiter. Vor ein paar Monaten und bis es geknallt hat. Peng! Peng! Peng!

Ich hadere. Seit Tagen bin ich unruhig. Und hadere. Mit der Welt wie sie gerade ist. Und vor allem mit mir. Ich bin überfordert und verwirrt. Und ich bin müde und wach zugleich. Und auch noch völlig nüchtern. Und ich bin ein bisschen, ein kleines bisschen glücklich. Weil ich wieder da bin. Zumindest der Teil, der nach diesen 3 Jahren noch übrig geblieben ist. Von mir und dem, was war. Bin befreit. Von dem Kampf, von den Dämonen, die mich nur vermeintlich schützen wollten. Befreit, ein großes Bisschen befreit.

Ich hadere. Und hab ein bisschen Angst, was morgen sein wird. Werde ich wieder ich sein und weiterleben, so wie ich’s mag und gerne würde? Ich mit all meinen Verrücktheiten, mit all meinem Schmerz und meiner unendlich traurigen Sehnsucht nach dir? Werde ich aushalten? Kann ich mich aushalten und das, was in meiner Brust so sehr weh tut und nie mehr aufhören wird, zu schreien? Kann ich das?

Ohne dich und alleine?

Hab dich so sehr geliebt, so sehr. Und auch das wird nie aufhören, diese Liebe zu dir. Aber ist diese Liebe zu dir nicht auch Stärke und Zuversicht? Ist sie nicht auch Hoffnung? Hoffnung, dass mir noch ein bisschen Zeit bleibt, zu leben? Auch ohne dich? Weiterzuleben, für mich? Und uns beide? Ich weiß es nicht. Aber, ich will versuchen, ob ich dieses Wörtchen Hoffnung wieder buchstabieren kann. Ich will’s versuchen.

09:23. Ich hab Hunger. Zweite Frühstückszeit.

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